Quartierskünstlerin Ji Hyung Nam | © Mike Schäfer

Dulsberg wird zur Bühne

TEXT Betül Pehlivan

Ji Hyung Nam ist neue Quartierskünstlerin in Dulsberg und wird  bis Ende 2025 das Atelier der SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft in der Straßburger Straße 30 mit ihrer Kunst beleben.

VOR EINEM SCHAUFENSTER in der Straßburger Straße stehen zwölf Personen. Alle haben Kopfhörer in den Ohren. An den Hälsen baumeln kleine Geräte wie bei einem Museumsrundgang. Noch ist auf den Geräten nur ein leises Rascheln zu hören. Ein Vorhang, bedruckt mit einer Klinkerstein-Optik, öffnet sich langsam und mechanisch. Dahinter erscheint ein kleines Arbeitszimmer. In der Mitte des Raumes steht ein Schreibtisch, dahinter Regale mit DVDs, Kunstbänden und kleinen Figuren. Fotos, Plakate und kleine Puppen zieren die Wände. Nach wenigen Minuten betritt die Künstlerin Ji Hyung Nam in einem blauen Schlafanzug die kleine Bühne. Sie schließt die Tür und setzt sich an den Schreibtisch. „Hallo! Willkommen in meinem Kopf!“, ertönt es in den Kopfhörern. 

Atelier der Quartierskünstlerin Ji Hyung Nam | © Mike Schäfer

Auf der kleinen Bühne gibt es viel zu entdecken. | Mike Schäfer

In den nächsten 23 Minuten erzählt und spielt die Bühnen- und Kostümbildnerin aus ihrem Leben: vom Aufwachsen in Seoul, ihrem Umzug nach Deutschland bis zur Ankunft in Dulsberg. Sie wechselt Kostüme, putzt sich die Zähne und zündet mit einem Streichholz eine Kerze an. Das Stück ist der erste Teil ihrer Schaufensterperformance „Das Leben ist Kunst“. Vier weitere mit Geschichten  aus dem Leben von Bewohnerinnen und Bewohnern Dulsbergs sollen folgen. „Mich interessiert, welche Leben sich hinter dem klassischen Rotklinker des Stadtteils verbergen“, sagt die Quartierskünstlerin. Dafür sammelt sie Geschichten aus dem Stadtteil, um diese in ihren Performances zu erzählen. „Es soll sich anfühlen, als würden die Zuschauerinnen und Zuschauer durch das Fenster der Nachbarn schauen“, erklärt sie das Konzept. 

 

Als 21-Jährige besucht Ji Hyung Nam das erste Mal in ihrem Leben ein Theater. Ihr Vater bringt eines Tages vier Karten für ein Stück mit. „Ich weiß nicht mehr, wie das Stück hieß. Aber es handelte von einem koreanischen Helden. Ich saß so nah an der Bühne, dass ich die Schauspieler atmen hörte“, erinnert sie sich. Ji Hyung Nam entdeckt eine Welt, in der Kreativität Platz findet und der Raum für Möglichkeiten unbegrenzt ist. Von da an weiß sie, da möchte sie hin. Sie beendet ihr Studium der Innenarchitektur in Seoul und arbeitet seitdem an ihrem Traum von der großen Bühne.

 

Ihr Weg führt sie nach Deutschland. An der Akademie der Bildenden Künste München studiert Ji Hyung Nam Bühnen- und Kostümbild.  Lernt neue Menschen und eine völlig andere Kultur kennen. Der Anfang ist schwer. Im Studium liest sie Texte von Brecht, Goethe und Nietzsche. Versteht zunächst wenig. Doch die heute 34-Jährige nutzt jede Chance, um sich ihren Traum zu erfüllen. Hat Jobs an großen Theatern. Gestaltet zuletzt das Bühnenbild für „Die Möglichkeit des Bösen“ an den Münchner Kammerspielen. Gewinnt Preise. Aber: „Nach den Aufführungen haben Bühnen- und Kostümbildner keine Möglichkeit zur Interaktion mit dem Publikum“, sagt Ji Hyung Nam. Sie möchte mit den Besucherinnen und Besuchern über ihre Arbeit sprechen.

 

„Ich bin Bühnen- und Kostümbildnerin, wie ich es mir vor elf Jahren erträumt habe. Das Leben ist Kunst!“, lauten die letzten Worte, die das Publikum hört. Ji Hyung Nam verlässt die Bühne. Das Publikum klatscht 
– darunter auch ihre Eltern, die aus Korea angereist sind. Sie weinen vor Stolz. Zum Abschluss lädt Ji Hyung Nam ihr Publikum auf die Bühne ein.  Sie sprechen über das Stück und die Gäste dürfen im Atelier stöbern. „Mein Ziel ist es, Theater zugänglicher zu machen“, sagt Ji Hyung Nam. Es fehlen nur noch weitere Geschichten aus dem Leben. 

Quartierskünstlerin Ji Hyung Nam | © Mike Schäfer
Quartierskünstlerin Ji Hyung Nam | © Mike Schäfer

Ji Hyung Nam

Nach einem Studium der Innenarchitektur im südkoreanischen Seoul absolvierte Ji Hyung Nam ein Bühnen- und Kostümbildstudium an der Akademie der Bildenden Künste in München als Meisterschülerin unter Professorin Katrin Brack. 2017 erhielt Ji Hyung Nam für ihr Szenenbild der deutschen Comedy-Serie Produktion „Technically Single“ den Best Production Design Award beim Melbourne WebFest. Für ihr Projekt „Eva, Adam und Birne“ erhielt sie 2018 den START-UP Junge Künstlerin Preis des Europäischen Patentamts. Ihre Arbeiten waren unter anderem an den Münchner Kammerspielen, am Staatsschauspielhaus Dresden und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zu sehen.